Home
Die MĂ€nner
Die Panzer
Soldaten im Bild
Geschichte
Geschichten
Warum und Wieso
Quellen
Forum

Julius Hinrichsen

Meine Dienstzeit bei der 8./schweren Kompanie des 2. SS-Panzerregimentes „Das Reich“

Am 8. Oktober 1942 kam ich vom Genesungsurlaub zurĂŒck nach Weimar-Buchenwald zur Panzerersatzabteilung. Ich war vorher bei der SturmgeschĂŒtzbatterie der SS-Totenkopf –Division
15 Monate in Kessel von Djemjanks gewesen. Dort wurde ich das 3.Mal verwundet. Als Ausbilder in Buchenwald kam ich mit 15 Rekruten zur Aufstellung einer Tigerkompanie am 8. Dezember nach Fallingbostel. Wir waren wohl mit die Ersten, die dort ankamen. Dort wurden zur Zeit 4 Tiger- kompanien aufgestellt. Nach und nach trafen dann 10 Tiger und 10 Panzer III ein. Einteilung der Besatzungen und flotte Ausbildung. Am 24.Januar 1943 ging es in 3 Transporten an die Ostfront,
Ziel unbekannt. Unterwegs trafen wir jede Menge anderer Transporte. War eine sehr kalte Fahrt. Am 1. Februar haben wir in Charkow ausgeladen. Kalte Tage und wenig zu Essen. Da die Front im ZurĂŒckgehen war und wir mit den Panzern wegen GlĂ€tte nicht fahren konnten, wurden wir am 9. Februar wieder verladen mit 7 Tigern. 3 Tiger und die 10 Panzer III blieben dort und kamen zum Einsatz. Über deren Einsatz weiß ich nicht viel. Mein Panzer hatte die Nr. 802/S02. Wir waren Kompanietrupp- u.Chefpanzer. Daher mein Wissen und Hören. Am 11. Febr. in Poltawa, am Flugplatz, von den 3 Tigern lief einer in Charkow auf eine Mine, konnte nicht mehr gerettet werden und fiel gleich den Russen in die HĂ€nde. Viel Aufregung. In Poltawa Eisstollen reingehauen und im Landmarsch zurĂŒck zur Front ĂŒber Walki nach Charkow. Waren an der Aufgabe von Charkow mit beteiligt. Über die BrĂŒcke am Hauptbahnhof waren wir fast die Letzten. Unser 1. Chef, der HauptsturmfĂŒhrer Grader, fiel Mitte Februar östlich von Charkow. HauptsturmfĂŒhrer Kuhlmann ĂŒbernahm die Kompanie. Es ging mit derFront zurĂŒck ĂŒber Walki nach Poltawa. Die Front kam etwa bei Waiki zum Stehen. Am 17.Febr. wieder in Poltawa. Alles ging in die Werkstatt zur Überholung. Hier wurde Kuhlmann zur Leibstandarte Adolf Hitler versetzt und HauptsturmfĂŒhrer Herzig ĂŒbernahm die Kompanie. Die Panzer wurden feldgrau gemacht. Am 5.MĂ€rz zum Gegenangriff. Am 8. Walki erobert. Ich war als RichtschĂŒtze bei Herzig. Am 12. Nowabavaria erobert. Am 14. Angriff auf das Traktorenwerk bei Charkow. Dort einige T 34 erbeutet. Am 17. Fahrt und Angriff auf Belgorod. 80 km an einem Tage. Bei DĂ€mmerung in Belgorod. Am 18. dann in Stellung am Donez. Konnte hier noch 2 T34 und einen T60 abschießen. Am 19. und 20. schwere amerikanische Bombenangriffe auf Belgorod. Wir lagen unter dem Panzer, fĂŒrchterlich. Die Geschwader kamen vom Westenu nd sind in UDSSR geblieben. 22. wieder in Unterkunft in Charkow in der NĂ€he von Tankstelle West. Am 29. habe ich das Panzersturmabzeichen erhalten, nachdem ich schon Fallingbostel das EK. II erhalten hatte. Am 1.April wurde ich RottenfĂŒhrer. HauptsturmfĂŒhrer Herzig wurde nach Berlin kommandiert. HauptsturmfĂŒhrer Zimmermann ĂŒbernimmt am 10.April die Kompanie. Der Spieß HauptscharfĂŒhrer Haffner geht auf  die FĂŒhrerschulc. Neuer Spieß wird HauptscharfĂŒhrer Soretz. Am 30 April Umziehen nach Beretschnaja, 20 km westlich von Charkow. Gute Unterkunft. Am 7. Mai auf  Marsch in Bereitstellungsraum westlich Belgorod. Der Angriff am 10. Mai findet nicht statt. Soll verraten worden sein, was wir damals nicht wußten. ZurĂŒck nach Bereschnaja und Charkow zur Werkstattkompanie. Auf der RĂŒckfahrt nahm ich unsere Wirtin mit auf den Panzer. Ein UntersturmfĂŒhrer der Leibstandarte Adolf Hitler zeigte uns an. Ich mußte dann zum Panzer Corps zu OberfĂŒhrer Ostendorf. Kam ohne Kriegsgericht davon. Harte Ausbildung in Bereschaja. Am 5.Juli wieder auf Fahrt in Bereitstellung, 20 km von Tomarowka. Am 4. Juli abends FĂŒhrertagesbefehl vom Regimentskommandeur verlesen. Wir sollen Spitzenkompanie fahren. O je. Um 23 Uhr langsam zum Aufmarschhalt vorgefahren. Ankunft 2 Uhr morgens. Nochmals aufgetankt. Um 5 Uhr beginnt die Artillerie mit immer stĂ€rker werdenen Feuerzauber. Um 3:30 Uhr schießt alles. Das Nebelwerferregiment setzt ein. So etwas hat die Welt noch nicht gesehen. Man versteht kein Wort mehr. Um 5:45 Uhr kommen die Flieger. Über 250 habe ich gezĂ€hlt. Die Welt geht ja bald unter. SpĂ€ter wird bekannt, dass so viele Granaten und Bomben geschossen wurden, wie in Polen und Frankreich zusammen. Um 4 Uhr Angriff. Als wir auf der Höhe sind, sehen wir nur Rauch und Qualm. Und RĂŒckwĂ€rts ein Bild, dass ich nie vergesse. So viele Panzer und Fahrzeuge habe ich noch nie fĂŒr einen Angriff gesehen. Im Chefpanzer mit HauptsturmfĂŒhrer Zimmermann immer vorne weg. Komme in ein feindliches Minenfeld. Funkspruch von rechts Blaumeisen( T34). Wir drehen. Ein Knall. Was ist geschehen? Fahrer und Funker verwundet. Zimmermann steigt um. Bootet aus. Ich bleibe mit dem LadeschĂŒtzen zurĂŒck am Panzer. Über 200 Panzer stehen. Angriff stockt. Russe schießt flott. Viele LuftkĂ€mpfe und AbschĂŒsse. Am Nachmittag kommt der Angriff langsam ins Rollen. Abends schleppt man uns zurĂŒck in die Werkstatt. Getriebe total kaputt. 6 Tage Werkstattkompanie. Am 11. Juni morgens Angriff mit Zimmermann. Um 10 Uhr bekommt er einen Armdurchschuss. Er muß zurĂŒck. Neuer Chef HauptsturmfĂŒhrer Lorenz ĂŒbernimmt. Nach 2 Stunden in der Kuppel erhĂ€lt er einen Kopfschuss tot. Der neue Chef  ObersturmfĂŒhrer Reininghaus ĂŒbernimmt. Schwerer Abwehrkampf der Russen. Die Panzerabteilung hat bisher 20 Gefallene und 60 Verwundete. UnserAngriff kommt zwischen dem 16. und 18. Juli zum Erliegen. Unser S24 erhĂ€lt einen Durchschuss mit Kuppelabschuss, die Besatzung mit Kommandant SchĂ€fer ist tot. Sollen dann der Division Großdeutschland helfen. Wird nichts. Befahl kommt, sofort nach Belgorod zum Verladen auf die Eisenbahn. Am 25. Juli rollen wir. Charkow, Losowaja und wohin? Laden am 26. Juli in Barwenkowo aus. Der Russe ist bei der Wiking eingebrochen. Der Einbruch ist bereinigt, ehe wir ran kommen.Verladen erneut am 28.Juli. Am 29.Juli dann in Makejewka ausgeladen. Wir sind am Mius. Sofort fertig machen zum Angriff. Am 31.Juli beginnt der Angriff gegen große Übermacht. Kommen am 1. August auf die Höhe 202. Bekommen viele Treffer. T34 Treffer am Fahrersehschlitz, unser Fahrer Arzner tot. Ich denke, das er durch den Aufschlagdruck ums Leben kam. Am Panzer Abfeuerungs- und Funkschaden, Kommandant leichtverwundet. Wir mĂŒssen im schweren Abwehrfeuer der Russen ausbooten. Alles schießt auf uns. Kommen gut von der Höhe herunter und können bei der Infanterie verschnaufen. 35-40 Grad Hitze, Viel Durst. Erst nach ca. 15 Stunden können wir den Panzer und unseren Fahrer bergen. Bekommen den Panzer zum Laufen. Der Fahrer wird auf die DrehbĂŒhne gezogen. Die russische Infanterie liegt nur 300-400 Meter von uns. Panzer kann aus eigener Kraft von der Höhe runter. 3 18-tonner Zugmaschinen warten unten, werden vorgespannt und ab geht’s in die Werkstatt. Die WK lag noch in Makejewka. Wir wohnten bei einer Familie Caesar. Diese waren 1928 aus Oderberg Schlesien gekommen. Der Angriff auf den BrĂŒckenkopf war in 4 Tagen bereinigt. Alles wieder in Makejewka. Es hieß dann, wir kommen nach Österreich. Denkste, wir wurden dann am 14. August in Jassinowataija verladen. Wir rollten. Einen Tag spĂ€ter in Lubotin ausladen. Also wieder bei Charkow. Einzeln kamen dann die Panzer zum Einsatz. Als vorlĂ€ufiger Kommandant kam ich nach 120 Km bei der Kompanie an. Auch mein Panzer musste wieder in die Werkstatt. HauptsturmfĂŒhrer Tetsch fĂŒhrte die Kompanie. Am Mius hatte ObersturmfĂŒhrer Matzke die Kompanie gefĂŒhrt. Wir fuhren harte und schwere Angriffe östlich Lubotin und am Kolchos. Konnte viele AbschĂŒsse erzielen. Charkow wurde erneut gerĂ€umt, planmĂ€ĂŸig wie man sagt, aber der Druck war stĂ€rker. ObersturmfĂŒhrer Matzke war nun Chef der 8. Kompanie. HauptsturmfĂŒhrer Tetsch also fĂŒhrte uns. Ich hatte schon viele Chefs gehabt aber mit ihm Angriff fahren, unmöglich. Mein Fahrer erhielt schon mal eine Ohrfeige. Erneut Motor und Getriebeschaden. Mussten erneut geschleppt werden. Der planmĂ€ĂŸige RĂŒckzug hatte schon eingesetzt. Viele Panzer mussten geschleppt werden. Das Panzerregiment hatte nur 18 Zugmaschinen und ein Tiger brauchte alleine schon 3 Schlepper. Mindestens 25-50 Panzer wurden nun geschleppt, Panzer III, IV und V. Die Werkstattkompanie konnte in diesem RĂŒckzug nicht die Arbeit aufnehmen. So wurden wir ca. 50 km geschleppt und die Zugmaschinen kehrten um und holten andere. TĂ€glich kamen Neue hinzu. So wurden dann auch Panzer gesprengt, auch Tiger. So entstand ein gewaltiges Verkehrschaos. Vor Poltawa in drei Reihen ĂŒber 10 km. Fahrzeug an Fahrzeug und keine russischen Flieger kamen. Panzer kamen zuerst. War fĂŒr uns nur gut so. Kamen dann an der DnjeperbrĂŒcke bei Krementschug. Hier natĂŒrlich eine gewaltige Stauung. Wir hatten GlĂŒck und kamen nach Crukoff, anderer Stadtteil westlich von Krementschug. Da die Stadt gerĂ€umt wurde, konnten wir vieles mitnehmen. Hatten einen Ballon mit 100 l Branntwein mit, Thermosflaschen, Gummistiefel, Lichter und vieles mehr. Hatten tĂ€glich einen Rausch. So kamen wir Ende September ĂŒber Snamenka nach Kirowograd.

In Kirowograd hatte die Werkstattkompanie schon den Betrieb aufgenommen. Hier sammelte die Kompanie und auch das Panzerregiment. Wir lagen mitten in der Stadt und konnten endlich mal Ordnung schaffen. Auch Kino gabÂŽs. Nach etwa 10 Tagen war unser Panzer wieder OK. Eines Nachts blieb mir der Mund offen stehen, ich hatte von dem Einsatz bei SturmgeschĂŒtzbatterie der Totenkopfdivision einen Splitter im linken Unterkieferwinkel sitzen. Wurde dann im Lazarett in Kirowograd operiert. Kam dann ĂŒber Sherminka ins Heimatlazarett nach Göttingen, wo ich
5 Monate lag. War 1 1/2 Stunden unter dem Messer. Einfach Scheußlich. Wegen Spezialbehandlung kam ich dann noch in die UniversitĂ€tsklinik. 2 Nerven waren durchtrennt zum Auge und zur Unterlippe. Am 26. Januar 1944 kam dann zur Panzerersatzabteilung nach Rigastrand. Hier traf ich gleich meinen guten Chef HauptsturmfĂŒhrer Herzig. Kam dann gleich bei ihm an. Wenn ich diese beiden EinsĂ€tze vergleichen soll, waren die 15 Monate bei der Sturm-geschĂŒtzkompanie der Totenkopfdivision wesentlich hĂ€rter und verlustreicher als die 10 Monate bei der Tigerkompanie.

Im spĂ€teren Einsatz erhielt ich dann noch das goldene Verwundetenabzeichen und wurde UnterscharfĂŒhrer und Oberjunker.
 

UNSER ERFOLGREICHSTER TAG
aus “Panzer im Brennpunkt der Fronten” von Will Fey

Dann graut der Morgen, um einen Tag anzukĂŒndigen, der unserem Tiger und seinen MĂ€nnern höchste BewĂ€hrung und schönsten Erfolg bringen sollte: es ist der 8. August 1944.
Noch warten wir auf die Grenadiere, die heute morgen mit unseren Tigern den Angriff vortragen sollen; sein Beginn ist nach erfolgter Artillerievorbereitung festgesetzt. Nun sind die ZĂŒge und Gruppen der Grenadiere- es sind Kameraden von einer Division des Heeres - bei unserem Panzer eingetroffen; sie verteilen sich im GelĂ€nde, suchen Deckung in GrĂ€ben und hinter BĂŒschen. Wir warten ab; aber noch kommt keine Artilleriesalve, die den Beginn der Vorbereitung anzeigt. Es vergeht Stunde um Stunde, bis es losgeht, aber dann nicht bei uns. - Einige Grenadiere links von uns geben Panzeralarm und bald können wir auch aus unserem Tiger die Lage ĂŒbersehen : ĂŒber eine Anhöhe herab kommen die Shermans aus einem WĂ€ldchen hervorgerollt. Wir erkennen 10 - 12 - 15 Feindpanzer, dazwischen SpĂ€hwagen, SPW mit aufgesessener Infanterie, Karetten und MTW: der ganze Hang ist lebendig geworden! Entfernung ca. 1200 m. Noch fĂ€llt kein Schuss. Das Ganze mutet wie ein schulmĂ€ĂŸig vorgetragener Panzerangriff an, mit allem, was dazugehört. Die Grenadiere schauen auf uns: was werden wir tun? Bei ihnen und ihrem KompaniefĂŒhrer macht sich eine gewisse NervositĂ€t bemerkbar. Ein Oberleutnant steigt zu uns auf den Panzer: wir sollen das Feuer eröffnen! Aber das muss er schon unserem Kommandanten ĂŒberlassen. Der Funker muss einen Spruch an alle absetzen: »15 Panzer greifen mit Infanterie aus der linken Flanke an; wir eröffnen bei 600 m das Feuer!« Sofort kommt Funkbefehl vom Kommandeur Weiß: »Ruderboot an Ofenrohr 3 (das ist im Funkverkehr der Tarnname fĂŒr unseren Tiger) - sofort absetzen!« Das hat noch gefehlt! Der Kommandant gibt dem Funker den Befehl, nicht zu quittieren und sofort den EmpfĂ€nger abzuschalten; wir werden jetzt nur noch senden!
Die Panzer haben sich formiert und rollen im Breitkeil auf uns zu.Die Entfernung betrĂ€gt noch ungefĂ€hr 800 m. LĂ€ngst hat der LadeschĂŒtze Panzergranaten bereitgelegt. Der Fahrer ist informiert, daß er auf Befehl hin den Panzer sofort wenige Meter auf der linken Kette zurĂŒckrollt, wĂ€hrend er die rechte Kette anzieht: so bringen wir in einigen Sekunden unseren Tiger mit der Stirnseite in die gĂŒnstige Abwehrposition; denn auch die Kameraden von der anderen Feldpostnummer werden uns was zukommen lassen, und dafĂŒr ist unsere Breitseite, die wir jetzt zeigen, zu empfindlich!
Dann ist es soweit: 600 m. - Wir manövrieren unseren Tiger in die gewĂŒnschte Schußrichtung. Der RichtschĂŒtze hat schon seit geraumer Zeit sein erstes Opfer durch die Zielansprache erkannt! Es ist der Panzer am weitesten vorn, genau in der Mitte des Angriffspulks, wohl der PanzerfĂŒhrer. Das zweite und dritte Ziel ist ebenfalls festgelegt: erst der linke Nachbar, dann der rechte ! Als nĂ€chstes sind die Shermans ganz links und ganz rechts außen vorgesehen; denn die könnten uns gefĂ€hrlich werden, falls sie uns umfassend in die Flanken kĂ€men; auch ein Tiger ist ja innerhalb der 400-m-Grenze verwundbar.
Dann kommt der erlösende Befehl: »Panzergranate - 600 - Feuer frei!« Der erste Schuß geht ĂŒber das Ziel; aber nur kurz lĂ€hmt uns diese Feststellung. Visier 400 - Feuer frei! - und der Schuß sitzt! Ein zweiter gleich hinterher, - Treffer! NĂ€chstes Ziel: »Panzer links«! - Feuer! - Auch ihm werden 2 Granaten genehmigt. In kurzer Zeit stehen 4 Shermans in Flammen am Hang. Die erste Verwirrung bei den Gegnern ist gewichen: sie halten an und eröffnen das Feuer. Wir erhalten Treffer auf Treffer am Turm, am Bug, an der Walzenblende; Schrauben und Nieten wirbeln im. Kampfraum umher! Der Oberleutnant der Grenadiere, der sich bisher im Kampfraum befand, verlĂ€ĂŸt kopfĂŒber unseren Panzer, rĂ€umt mit seinen Leuten das GelĂ€nde; denn hier wird heute kein Angriff mehr gestartet. Der Funker sendet ununterbrochen den Gefechtsverlauf; dazwischen findet er reichlich Arbeit fĂŒr sein MG. Der Kommandeur funkt wieder: »Absetzen auf eigene Linien!« Wir zĂ€hlen jetzt schon 6 brennende und qualmende Shermans: es muß eine heillose Verwirrung drĂŒben herrschen! Ihre Infanteristen sind abgesessen und springen Deckung suchend umher; Fahrzeuge verkeilen sich ineinander beim Versuch zu wenden. So wird auch der 7. und 8. Panzer erledigt. WĂ€hrend sie beim Manövrieren ineinanderfahren, hĂ€lt unsere 8,8 dazwischen und sorgt fĂŒr ein schnelles Ende: dicht beieinanderstehend brennen sie nun aus.
Sind Minuten vergangen - oder Stunden? Wir wissen es nicht. Unser LadeschĂŒtze, der bĂ€renstarke Wolgadeutsche, sinkt in die Knie. Als zunĂ€chst am Verschluß Stehender hat er zuviel Pulvergase geschluckt und ist ohnmĂ€chtig geworden. Und immer wieder krachen Treffer an unseren Tiger. Bei uns ist durch den Ausfall des LadeschĂŒtzen eine Stockung eingetreten. Der RichtschĂŒtze betĂ€tigt das Turm-MG, wĂ€hrend der Funker schon seinen vierten Lauf glĂŒhend geschossen hat. Nun haben sich alle Shermans auf unseren Tiger eingeschossen und wir mĂŒssen sehen, daß wir etwas aus der Schußlinie kommen; sonst finden sie am Ende doch noch ein Loch bei uns. »Fahrer rĂŒckwĂ€rts marsch! Halt!« Da knallt es auch schon wieder bei uns; der Tiger ruckt zurĂŒck. Das war ein anderes Kaliber, das war Pak! Pulverqualm quillt durch die Luken; der Treffer kam von links. Jetzt heißt es handeln; denn schon landet der zweite Treffer zwischen Fahrer- und Funkerblende und macht unser Funker-MG unbrauchbar. Der Fahrer hat denPlatz des ausgefallenen LadeschĂŒtzen eingenommen. Nun gibt es nichts mehr zu fahren! Die linke Kette ist abgeschossen und der Tiger somit nicht mehr bewegungsfĂ€hig. Wir haben nun die Pak am MĂŒndungsfeuer erkannt: sie steht ganz links außen an ein GebĂŒsch angelehnt. Der Turm wird auf 9 Uhr gedreht. Albert schnell und genau eingewiesen. Sprenggranaten ins Rohr und dann: »Feuer frei!« 3 Granaten lassen wir uns diesen Gegner kosten; dann zeugen hochwirbelnde Teile und Explosionen vom Ende dieser gut in Stellung gebrachten Pak. Das Panzergefecht geht weiter. Wir haben weder Hunger noch Durst; der Kampf nimmt uns ganz in Anspruch. Schweißtriefend, mit entzĂŒndeten Augen schnappen wir in diesem dicken Salpetergestank nach Luft; denn nach jedem Schuß der Kwk entquillt eine graublaue Wolke dem Fallkeilverschluß. — Vergeblich bemĂŒht sich der Ventilator, seiner Bestimmung gerecht zu werden. Paul liegt mit verdrehten Augen zwischen Hermanns Beinen unten auf der DrehbĂŒhne. Noch stehen uns einige Shermans gegenĂŒber; wir haben es verdammt nicht leicht! WĂ€hrend wir die Pak anrichten, nehmen uns die Shermans aufs Korn; rĂŒcken wir aber die Shermans ins Fadenkreuz, gibt es Zunder von der Panzerabwehr: es ist schon eine wahre Plage, sich mit 2 verschiedenen Gegnern gleichzeitig befassen zu mĂŒssen. 12 brennende Feindpanzer zeugen inzwischen von unserem Kampf.
Nun funkt der Kommandeur nach Empfang der Meldung betreffs der BewegungsunfĂ€higkeit des Tigers: »Panzer sprengen, mit Besatzung durchschlagen!« - Aber das geht auf keinen Fall. Solange wir noch eine Granate und einen Schuß MG-Munition haben, geben wir dieses Gefecht und unseren Panzer nicht auf! Wieder einmal hĂŒllen wir uns in Schweigen und vergessen diesen Spruch zu quittieren! Helles GelĂ€chter trotz der besch.... Lage löst der Funkspruch des KompanietruppfĂŒhrers aus: »Ofenrohr 3 bitte AbschußbestĂ€tigung nicht vergessen!« Wir antworten postwendend: »Es sei uns eine Ehre, den KompanietruppfĂŒhrer in unserem Panzer empfangen zu dĂŒrfen, zwecks Feststellung der erfolgten AbschĂŒsse!« Danach hĂŒllt sich jener in absolutes Schweigen.
Nun sind beide MG ausgefallen; die Panzergranaten gehen zu Ende.14 Shermans haben das Zeitliche gesegnet und ihren Marsch nach Berlin nordwestlich Vire an einem strahlend schönen Augusttag vorzeitig in derMittagsstunde beendet. Und das ganze dauerte nur 30 Minuten! Aber nochgeht der Kampf weiter. Wir können nun keinen Sherman mehr erkennen, der in Bewegung ist oder sich im Feuergefecht befindet; aber es waren doch 15 angreifende Shermans genau erkannt worden!? - Eine Mulde dicht vor uns, mit BĂ€umen und GebĂŒsch bestanden, verlangt erhöhte Aufmerksamkeit; mit Sprenggranaten wurde Schuß auf Schuß abgefeuert, und immer fand sich ein Ziel. Verlassene SPW und sonstige Versorgungsfahrzeugegingen in Flammen auf. In voller Fahrt befindliche Karetten, zum Teil mit aufgebauten Panzervernichtungswaffen, sogenannten Ofenrohren fĂŒr die Panzernah- vernichtung, ereilte ihr Schicksal. Der ganze Hang ist von dunkelblauem Qualm ĂŒberdeckt, der gnĂ€dig das vollzogene Drama einhĂŒllt. VonZeit zu Zeit birst unter donnerndem Getöse ein Panzer mit haushoherStichflamme auseinander. Der Rauch der brennenden Fahrzeuge, der den ganzen Kampfraum ĂŒberzog, ermöglicht es manchem gegnerischen Soldaten, diesem Inferno lebend zu entkommen.
Da wir nicht wußten, wie lange wir noch in unserem Panzer aushalten mußten, die Munition aber bis auf einige Granaten verschossen war, wollten wir vorsorgen und in der nun eingetretenen Kampfpause unsern Bestand etwas ergĂ€nzen. Schnell gleitet der Kommandant am Panzer herunterund kriecht und lĂ€uft, um aus der Feindsicht zu kommen. Störungsfeuer hat nun eingesetzt. Langsam schießt sich der Gegner auf unseren Standort ein, nachdem er erkannt hat, daß sein Angriff an dieser Stelle gescheitert ist.
Völlig erschöpft erreicht der Kommandant einen Tiger unserer Kompanie und macht sich an der Fahrer- und Funkerluke bemerkbar, die beide wegen stÀndigen Artilleriefeuers geschlossen sind. Endlich hebt sich ein Lukendeckel und der Kommandant kann seine Bitte um einige Panzergranaten vortragen, doch vergeblich! UnerklÀrlicherweise können wir nichts bekommen und die Luken bleiben dicht, womit jeder weitere Appell ungehört verhallt! Weiter, zum nÀchsten Tiger, wieder einige 100 m gerobbt, gekrochen und gesprungen! Hier war der Weg nicht vergeblich: mit einerPanzergranate im Arm kriecht der Kommandant wieder in Richtung auf seinen Panzer hinweg!
Das Artilleriefeuer nahm stĂ€ndig an StĂ€rke zu. Zu allem UnglĂŒck standen wir ungedeckt mitten auf einer Wiese und erhielten die ersten Aritreffer auf Wanne und Turm. Einem der letzten FunksprĂŒche dieses Tages entnehmen wir, daß wir mit Einbruch der Dunkelheit durch Zug Schwab mit 3 Tigern rausgeschleppt wĂŒrden. Aber bis zur Dunkelheit war noch eine lange Zeit. Zu allem ĂŒbrigen fiel im stĂ€ndigen Beschuß auch unser FunkgerĂ€t aus! Jabos umkreisten uns, stĂŒrzten herunter und feuerten aus allen Rohren auf unseren braven Tiger, der hier bewegungsunfĂ€hig, wie auf dem PrĂ€sentierteller stand. Ihre Bomben lagen verdammt nahe! Sollte das unser Ende sein? Aber bevor die nĂ€chste Kette anflog, hatten wir die rettende Idee: Nebelkerzen wurden auf Heck und Bug gesetzt, und wir spielten den ausgebrannten, vernichteten Panzer! Wir hatten genĂŒgend von diesen Nebelkerzen an Bord und kamen ungeschoren ĂŒber die Zeit. Plötzlich aber werden wir hellwach und aus unserem DĂ€mmerzustand herausgerissen:wir hören das vertraute Panzerkettengeklirr - aber nicht etwa hinter uns von eigenen Kameraden, sondern halbrechts vor uns, wo die Mulde in GebĂŒsch- und Baumgruppen auslĂ€uft. — Wir bringen unsere Kanone langsam, kaum bemerkbar, in tiefster Stellung auf die Buschgruppe. 2 Panzergranaten sind noch vorhanden, davon eine bereits im Rohr. Unsere Nerven sind zum Zerreißen gespannt: ist es l Panzer oder sind es 2? Wir haben nur100 m zwischen uns und der Mulde. Fahrer und Funker sitzen absprungbereit an den offenen Luken; Paul, der sich wieder erholt hat, hĂ€lt die zweite und letzte Granate im Arm. Wenn diese beiden fehlgehen und verschossen sind, heißt es ausbooten, so schnell man kann! Das KettengerĂ€usch und Brummen kommt immer nĂ€her; Sekunden werden zu Ewigkeiten! Vielleicht weiß er gar nicht, der andere, dass hier noch ein feuerbereiter deutscherPanzer steht? LĂ€ngst sind unsere anderen Tiger zurĂŒckgezogen worden,und wir waren ja den ganzen Nachmittag am Qualmen. Aber nun Schluß mit den Gedanken! Vor uns teilt sich das GebĂŒsch; das glatte, lange Rohr ohne MĂŒndungsbremse, zweifellos ein Sherman, wird sichtbar. Dann kommen die Rundungen der Wanne und der Turm hoch. »Schuß!« Unsere erste Granate rutscht ab; steil steigt der Leuchtsatz zum Himmel! MerkwĂŒrdig, daß man solche Kleinigkeiten in dieser knisternden AtmosphĂ€re noch wahrnimmt! »Tiefer halten — Schuß!« — und wir brĂŒllen laut auf; denn derLeuchtsatz unserer Panzergranate verschwand genau unter dem Rohr, also am Ansatz des Turmes. Wie von einer eisernen Faust gepackt, bleibt der Panzer mit einem Ruck stehen. Eine erst feine RauchsĂ€ule, die immer dichter wird steigt senkrecht in die Höhe: der 15. Panzer dieses Tages. Mit dem Panzer vom Vorabend im gleichen Einsatzraum waren es genau 16, also eine ganzePanzerkompanie; nicht zu reden von den MTW, SPW, Karetten und sonstigen Fahrzeugen, die zu zĂ€hlen unmöglich war. Aber werden wir trotz aller Erfolge den Gegner aufhalten können? !
Nun ist es mit einem Male ruhig. Wir sprechen kein Wort mehr. Wir sind plötzlich so unsagbar mĂŒde und warten nun nur noch auf die Tiger,die uns rausschleppen sollen.Wir empfinden es dankbar und als Schutz, dass plötzlich in den Abendstunden DO-GerĂ€te mit unheimlichem Fauchen und Zischen eine Feuerwand in die Mulde und auf den angrenzenden Hang legen, die alles Lebendort ersticken muß.Nach genau festgelegtem Plan erscheinen, kaum dass die letzten Salven der Nebelwerfer verrauscht sind, die 3 Tiger des Zuges Schwab und schleppen uns ab. 2 Tiger werden vorgespannt; einer ĂŒbernimmt die Sicherung; so rollen wir, unsere Ketten hinten nachziehend, in die dunkle Nacht. Nach kurzem Halt am Kompaniegefechtsstand, wo uns Chef Kalis zu unseremErfolg beglĂŒckwĂŒnscht, erreichen wir am nĂ€chsten Morgen Vassy. Wie aber sieht unser Tiger aus! Löcher, in die man einen Kopf legen kann! DasAntriebsrad mit Lenkgetriebe und Vorgelege ist glatt durchschossen; dasGeschoß steckt noch in der Wanne! Da wird die WK einige Tage zu schweißen und zu flicken haben! — Aber wir sind um so stolzer und enger verbunden mit unserem Panzer, je mehr Löcher und Schrammen er hat; um sokostbarer wird er uns! Er ist fĂŒr uns viel mehr als nur totes Metall; er istein Teil von uns!

 

Die Schlacht von Halbe - Der Weg durch die Hölle
Ein Bericht aus den letzten Kriegstagen ĂŒber das große Sterben in den mĂ€rkischen WĂ€ldern sĂŒdöstlich Berlins. Von Rudolf WĂŒster

Schon eine Stunde lagen wir im Gras und starrten vor uns hin und in dieser ganzen Zeit redete keiner von uns nur einen einzigen Ton. Wir, das waren mein alter Kumpel Edi und ich. Kurt, der Dritte im Bunde wollte irgendwo was zu Futtern organisieren, wir hatten es nötig. Als er endlich kam, hatte er die Packtasche voll Vitaminbonbons und Trockenmarmelade, das Einzige, was in diesen verdammten Tagen noch aufzutreiben war. „Ihr macht wohl die OberschnĂ€pserprĂŒfung nochmal, was?“ erkundigte er sich bissig, als er unsere ausdruckslosen Gesichter sah. Drei Stunden auf einen Fleck stieren und nichts denken. Edi blinzelte gegen die wĂ€ssrige Sonne „Armleuchter, hasst Du was zu Fressen?“ Wortlos kippte Kurt die Tasche um, und teilte in drei Teile. Keiner meckerte, als das sĂŒĂŸe Zeugs zum Vorschein kam. Immer noch besser, als nichts. Wir lagen mit unserem Haufen sĂŒdöstlich Königs Wusterhausen in einem ziemlich zerfetzten Wald dicht beim Forsthaus Hammer und warteten auf den Chef, der war mit seinem Kartenbrett unterwegs und wollte die Lage peilen. „Lage ist ein Witz“ brummelte Edi als der Chef abschob „da kannst Du nur noch sagen, ernst aber hoffnungslos.“ Wir alle machten uns weiß Gott nichts vor.

Seitdem der Ivan am 16. April an der Oder mit seiner Offensive loslegte, war das, was einmal die Verteidigung Berlins sein sollte, restlos im Eimer. Von Wunderwaffen zum Einsatz keine Spur, dafĂŒr zu viele FlĂŒchtlinge in rauen Mengen, Frauen, Kinder, Greise und manchmal auch gewesene Landser und Offiziere dazwischen im abenteuerlichsten RĂ€uberzivil. Es gab keinen Zweifel, wir hatten die RĂŒckzugsgamaschen an. Manch einer fluchte verbissen vor sich hin, wenn er daran dachte, dass er seine Knochen umsonst Kaputtschießen ließ, aber wer damals am 28. April 1945 glaubte, er hĂ€tte das Gröbste ĂŒberstanden, der irrte sich grĂŒndlich. Der Höllentanz sollte jetzt erst richtig losgehen.

Wir waren eine von den unzĂ€hligen Kampfgruppen, die schon wer weiß wie oft aus allerlei Resten zusammengewĂŒrfelt wurden. Irgendwie hatten wir drei es aber immer wieder verstanden, im allgemeinen Durcheinander doch zusammen zu bleiben und das stĂ€rkte uns das RĂŒckgrat.

Mittlerweile trudelten die ersten Eisenbrocken vom Ivan herĂŒber, sie lagen ziemlich dicht. Der GefechtslĂ€rm drĂŒben hinter dem Wald wurde deutlicher und schien nĂ€her zu kommen. Unser Spieß fing an nervös zu werden, „schafft euch alle ĂŒberflĂŒssigen Klamotten vom Hals, verbrennt den Kram oder buddelt ihn ein“, er rannte von Truppe zu Truppe und sorgte fĂŒr Marscherleichterung. Sonst wusste er von dem, was dann noch werden sollte, genauso viel wie wir, nĂ€mlich einen feuchten Kehricht. Lediglich Kurt schien eine leise Ahnung zu haben, was hier eigentlich im Gange war. Er hatte vorhin auf seiner Organisierfahrt Einiges aufgeschnappt. „Ich glaube, dass es gewaltig stinkt hier in der Gegend, Jungs, und wir sitzen mittendrin in der Scheiße. Der Ivan hat uns im Norden und im SĂŒden ĂŒberrundet. Wenn mich nicht alles tĂ€uscht, sollen wir Richtung Elbe abzittern.“ Edi spuckte abfĂ€llig aus, „wenn wir mal nur nicht Richtung Sibirien getrieben werden“ unkte er. Ich tat einen Seufzer und dachte an zu Hause. Wer weiß, was uns noch blĂŒhte. Trotzdem versuchte ich, ein bisschen Stimmung zu machen „kalter Kaffee, bis jetzt haben wir uns noch ĂŒberall herausgewurschtelt, warum soll’s gerade hier schief gehen, Parole: Holzauge sei wachsam.“ Aber es war mir absolut nicht wohl, bei dem, was ich da sagte. 

 

In einem böse demolierten alten Autobus war der Gefechtsstand eingerichtet. Man konnte ihn gerade so als Splitterschutz werten, denn sie hatten ihn eingebuddelt. Besonders wohl wird’s den Offizieren nicht gewesen sein, die die Generale an diesem Mittag von den umliegenden Einheiten ausgerechnet dahin befohlen hatten. Es war die reine Truppenschau, alles vertreten, der General sah von seiner Karte auf „meine Herren, wie Sie wissen, ist der Russe sĂŒdlich von uns durchgebrochen und nach Norden auf Berlin abgebogen. Im Norden Berlins haben wir fast die gleiche Lage. Wir sitzen also in der Zange, ein Ausweichen ist ausgeschlossen. Es gibt nur eines, Durchbruch.“ Kurzes Gemurmel, dann wieder Stille. „Nach den letzten Funkmeldungen kĂ€mpfen die Russen im Stadtkern von Berlin“ fuhr der General mit ruhiger Stimme fort. Wir haben eine Chance, wenn wir den Durchbruch nach Westen ĂŒber die mĂ€rkischen WĂ€lder versuchen, vermutlich werden wir da auf die russischen Trosse und Nachschubeinheiten stoßen. Die verbliebenen Panzer, FlakzĂŒge und Waffen werden nach vorne gezogen und mĂŒssen den Einheiten den Weg frei kĂ€mpfen. Zwischen Tross und kĂ€mpfender Truppe der Russen muss der Vorstoß nach Westen erfolgen. Auf eine genaue Route können wir uns nach Lage der Dinge nicht festlegen. Der Durchbruch wird Opfer kosten, aber es ist anzunehmen, dass ihn auch die Truppe der Gefangenschaft in Sibirien vorzieht.“ Der General richtete sich ganz auf, „noch Fragen, meine Herren?“ verschiedene Offiziere machten EinwĂ€nde, sie wurden sachlich und klar widerlegt. „Schön, ich danke Ihnen meine Herren, und Hals- und Beinbruch“. Sekundenbruchteile spĂ€ter wummerte eine schwere Granate unmittelbar hinter dem Omnibus in den Boden, Dreck von den Grasklumpen und eine Wagenwand samt Stabskarten wirbelte durch die Luft. Der Ivan protestierte auf seine Weise. Zum GlĂŒck hatte es niemand erwischt.

 

„WĂŒster, WĂŒster“ es war der Schreibstubenbulle, was wollte der jetzt noch von mir, „kriegst sicher Deinen Urlaubsschein“ witzelte Kurt, Edi grinste nur, ich machte mich unlustig auf den Weg. „Was ist denn los?“ Der UnterscharfĂŒhrer zuckte die Schultern, nichts besonderes „es ist nur wegen Deinem EK, der Alte konnte es Dir bis heute nicht persönlich anhĂ€ngen, nachher wird’s wohl auch nichts mehr werden. Ich habe die Auszeichnung und die Urkunde hier in der Kiste, willst Du alles mitnehmen?“ Ein paar Monate frĂŒher hĂ€tte ich mich noch darĂŒber gefreut, jetzt winkte ich ab, „steck Dir den Kram meinetwegen an den Hut, was soll ich jetzt damit, kann mir höchstens noch blĂŒhen, dass mich der Ivan auf die nagelneue Auszeichnung hin noch massakriert und als Zivilist nachher brauch ich’s sowieso nicht.“ Ich drehte mich um und ging weg. Er sagte nichts mehr, mir war’s auch egal, vermutlich dachte er genauso wie ich. Kurz darauf kam der Chef zurĂŒck. Sein Gesicht sprach BĂ€nde, „Spieß lass die Kompanie antreten“. Der Haufen stand aber schon beisammen, bevor noch einer den Befehl gegeben hatte. Schließlich waren wir alle gespannt, was nun kam. „MĂ€nner, zur Lage, wir sitzen in der Tinte. NatĂŒrlich wollen wir wieder raus, aber nicht Richtung Osten, da winkt Sibirien, also nach Westen und da haben wir runde 23 km durch den Russen zu kĂ€mpfen, um 21.00 Uhr geht’s los. Morgen frĂŒh mĂŒssen

wirÂŽs geschafft haben, sonst holt uns der Teufel oder der Ivan, und das ist dasselbe. Die schweren Waffen, soweit noch vorhanden, bilden die Spitze, alle anderen Einheiten folgen aufgeschlossen. Alle Fahrzeuge bis auf ein paar werden verbrannt. Wir mĂŒssen marschieren, weil wir zum allgemeinen Transport nicht genug Sprit haben. Wer kann, soll bei anderen Einheiten aufsitzen, die noch Zugmaschinen oder Kettenfahrzeuge samt Sprit haben, das wĂ€r’s. Morgen um die Zeit wissen wir mehr. Wegtreten“. Das war kurz, sachlich und verdammt deutlich und ganz ohne Kommißton. Wozu auch, wir saßen alle in demselben Boot. Bald darauf verbrannten die Kraftfahrer ihre Benzinschlitten. Was bei uns an Schuhen, WĂ€sche und Uniformteilen ĂŒbrig war, flog in die brennenden Fahrzeuge. Gegen Abend begann sich dann endlich der zusammengewĂŒrfelte Stoßtrupp zu formieren. Unsere paar Panzer brummten nach vorn. Der Spieß schickte ein paar Zivilisten auf den Verpflegungswagen mit der letzten Fourage. Die Leute wollten auch nach Westen. Wir konnten sie begreifen, es kamen unterwegs immer noch andere dazu. FĂŒr alte Frontschweine, wie wir sie nun mal waren, ein komisches GefĂŒhl, mit zu vielem Anhang einen Durchbruch zu versuchen.

 

Edis Wagen trug die Nummer 15, bisher war er Cheffahrer. Jetzt fuhr er OberscharfĂŒhrer Pott, den KompanietruppenfĂŒhrer, klar das wir trotzdem beieinander blieben. Auf den Trittbrettern fanden wir gerade so mit einem Knobelbecher Platz, immerhin besser schlecht gefahren, als gut gelaufen. Edi hatte seine liebe Not, bis er den Wagen und die nachfolgenden Kumpels in die anderen Einheiten hineinbugsiert hatte. Zeitweilig standen wir stundenlang auf einem Fleck und hatten dies blödsinnige Kribbeln im Kreuz, das sich in solchen Lagen immer wieder meldet. Es war mittlerweile zappenduster geworden. Granaten orgelten durch die Gegend, nicht allzuweit knatterte Gewehrfeuer. Wir lagen noch ziemlich weit hinten. Man hĂ€tte am liebsten mit dem KnĂŒppel dreingeschlagen, damit es endlich vorwĂ€rts ging, ein scheußliches GefĂŒhl, wenn man wartet und weiß nicht worauf. Das nĂ€chste Ziel sollte Halbe sein, aber davon waren wir noch ein tĂŒchtiges Ende entfernt. Langsam erreichten uns die schweren Sachen, wir zogen die Köpfe ein, es ging los. Wo der Ivan eigentlich steckte, wusste niemand zu sagen, sehen konnte man nichts. Offensichtlich steckten wir mitten drin, EinschlĂ€ge auf allen Seiten. Verdammt und zugenĂ€ht, das waren wahrscheinlich 20 auf einmal oder noch mehr, Stalinorgeln, kopfĂŒber klatschte ich mich in den Dreck unter den Wagen, als ich wieder vorkrabbelte saß Pott immer noch ungerĂŒhrt im Wagen. Na ja, wie sollte er auch so schnell rauskommen, hinter uns Stöhnen und Wimmern dazwischen hohe spitze Schreie, Frauen oder Kinder, wir bissen die ZĂ€hne aufeinander in Gedanken an den blutigen Wahnsinn ihres sinnlosen Sterbens, tot machten sie die Fahrt weiter mit. Es war keine Zeit, jetzt GrĂ€ber zu graben. Das Leben ging fĂŒr die anderen weiter, vorlĂ€ufig wenigstens. Ein paar hundert Meter weiter, ließ der Fahrer den Verpflegungswagen stehen, er kam nicht mehr vorwĂ€rts in dem Wirrwarr, das nun ausbrach. Kurt und ich stiegen ab und trabten neben dem schrittweise vorwĂ€rtsschleichenden Wagen her. Man war auf diese Art schneller mit der Schnauze im Dreck, wenn die Luft vorĂŒbergehend zu eisenhaltig wurde. Eben ging der Mond auf, ich sah hinter uns eine Selbstfahrlafette mit Vierlingsflak, ein beruhigendes GefĂŒhl, das Ding in der NĂ€he zu wissen.

 

Plötzlich tauchten von links dunkle Gestalten auf, der Ivan, jemand brĂŒllte es hinter mir, „nix wie runter mit der RĂŒbe in den Matsch“ rief Kurt, schon lagen wir im Graben und dann war fĂŒr Minuten die Hölle los. Die Vierlingsflak hinter uns bellte, Edi gesellte sich zu uns, ziemlich plötzlich, denn der stolperte ĂŒber einen Toten. „Da bleibt kein Auge trocken“ brĂŒllte er durch den LĂ€rm. Dann plötzlich war es still, wie abgeschnitten, ein einzelner Soldat stolperte von links mit hoch erhobenen HĂ€nden ĂŒber den Sturzacker heran, „aufhören“ schrie er wie von Sinnen „aufhören ihr gottverdammten Idioten, könnt ihr deutsche Landser nicht mehr vom Ivan unterscheiden? Unser ganzer Haufen ist in Klump geschossen, blödsinnige Narren, die Ihr seid.“ FĂŒr einen Moment sagte niemand ein Wort, das war zu ungeheuerlich, als dass man mit einem gleichgĂŒltigen Satz hĂ€tte darĂŒber hinweggehen können. „Sammelt wenigstens die Verwundeten auf, oder schickt die SanitĂ€ter, damit sie die Russen nicht fertigmachen“, rief der Landser jetzt. Aber schon ging es weiter. Hilflos blieb der Soldat in berstenden und heulenden Granaten am Weg stehen. In den nĂ€chsten Minuten redete keiner ein Wort, Krieg ist grausam, die große Masse kommt zuerst, dann erst der Einzelne.

 

In Halbe war der Teufel los. In der engen Dorfstraße stießen und schoben sich tausende von Landsern voran, wer fiel wurde ohne Rettung zertrampelt. Ich hatte Kurt und den Wagen vorĂŒbergehend verloren, mittendrin in dem wĂŒsten Haufen steckend, presste es mir förmlich die Luft aus dem Körper, mir wurde mulmig. Mit letzter Kraft sprang ich an einem Fenstersims hoch und zog mich im Klimmzug rauf, gottlob, wenigstens wieder Luft.

 

Auf Umwegen trabte ich zum Ortsausgang, tatsĂ€chlich erwischte ich irgendwo Kurt und Edi mit dem Wagen, sie hatten inzwischen zwei Verwundete eingeladen. Einer hatte einen Lungenschuss, armer Hund, diese Art von Transport war fĂŒr ihn bestimmt kein Zuckerlecken. Im langsam aufkommenden Morgengrauen wĂ€lzte sich der Heerwurm in einen Wald, der steckte voller Russen, immer wieder versuchten sie uns den Weg zu verlegen. Die Panzer hatten die erste Welle niedergekĂ€mpft und waren weit voraus, keine schweren Waffen, keine FĂŒhrung, ein heilloses Durcheinander und irgendwo tauchte ein UnterscharfĂŒhrer auf, er trug einen blutigen Fetzen um den Kopf gewickelt und prĂŒgelte mit einem KnĂŒppel auf zurĂŒckweichende Landser ein „wollt ihr wohl ran an den Ivan, ihr feigen Hunde, putzt die ScharfschĂŒtzen aus den BĂ€umen, sonst verröcheln wir hier doch alle miteinander, vorwĂ€rts oder ich mach euch Beine“. Weiß der Teufel, sie machten vor dem KnĂŒppel kehrt und griffen wieder an. Wir drei klemmten uns die Waffen unter den Arm und machten gleich mit. Schon nach den ersten Schritten bekamen wir ein wahrhaft höllisches Granatwerferfeuer, rings um fielen sie wie die Fliegen, mit den HĂ€nden buddelten wir Deckungslöcher. Nackte Todesangst hatte jedes Denken ausgelöscht, wir handelten nur noch mechanisch, ab und zu purzelte drĂŒben einer der ScharfschĂŒtzen aus den BĂ€umen, bei einem neuen Vorstoß wurde ich einfach mit vorgerissen und fand mich plötzlich neben völlig fremden Landsern. Hinter einem dicken Baum hielt ich nach Kurt und Edi Ausschau, nichts, eben wollte ich mich abwenden, da brauste Edi mit einem Affenzahn auf seinem Wagen heran, er holperte nur so ĂŒber die Waldwurzeln hinweg, er sah mich aber nicht, eh ich etwas sagen oder brĂŒllen konnte, war der Wagen mit Gestank verschwunden, verdammt, dachte ich, jetzt kannst du auch noch marschieren. Mittlerweile war das Vorfeld freigeworden, ich raffte mich auf und latschte los, immer den Gefallenen nach, sie waren die besten Wegweiser. Irgendwo traf ich auf Kurt, der auch den Anschluss verpasst hatte, von dem Augenblick an, war uns beiden etwas wohler.

 

„Wir mĂŒssen sehen, dass wir auf die Autobahn kommen“, meinte Kurt schließlich. Ein Landser, der sich hier auskannte, machte den FĂŒhrer. An der Rollbahn sah es verdammt mulmig aus, der Betonstreifen lag voller Leichen, scheinbar hatte es von beiden Seiten Zunder gegeben. Wer lĂ€uft zuerst, ich schob mich wortlos nach vorne und wetzte ĂŒber die Fahrbahn, dass es nur so rauchte, erst als wir alle drei drĂŒben waren, ratterten die MGs los. Weiter ging es durch den Wald, immer an Leichen vorbei. In einem Wagen verblutete ein erschossener Zahlmeister auf einer unĂŒbersehbaren Menge von Hundertmarkscheinen. Wir rafften zusammen, was sauber war, vielleicht konnten wir die Lappen noch einmal gebrauchen und wenn auch nur fĂŒr hinterlistige Zwecke. In einer Schrebergartenkolonie stand Edi mit seinem Wagen am Wege und murkste fluchend unter der Motorhaube herum. OberscharfĂŒhrer Pott hatte es inzwischen erwischt. In dem WĂ€ldchen, wo es vorhin den tödlichen Zunder gab, war er als Kommandant auf einen Wehrmachtspanther gewechselt. Als er den Kopf aus der Luke steckte, erwischte ihn ein BaumschĂŒtze mit einer MG-Garbe. Hier ist schon seit zwei Tagen der Ivan, wusste Edi zu erzĂ€hlen, als er fertig war. Ich habe mit dem alten Mann gesprochen, sie haben mir bisher nichts getan. Kurt nickte, mag sein, aber ich glaube, wir drei machen uns besser auf die Socken, nix wie weg. Im Wagen vorn saß jetzt eine Frau, die man kaum noch als weibliches Wesen erkennen konnte, das ganze Gesicht war durch Verbrennungen aufgedunsen, vor zwei Tagen war sie noch ein schönes MĂ€dchen mit glatter Haut und lĂ€chelnden Lippen. Bei ihrer Flucht aus Ostpreußen war sie hier bis Berlin gekommen und mit einem Panzer mitgefahren, als er in Brand geriet, wollte sie die Besatzung unter Einsatz des eigenen Lebens retten, aber da ging die Munition in die Luft. Ein Traum von Jugend war ausgetrĂ€umt. Hoffentlich wĂŒrde sie wenigstens ihr Leben aus dieser Hölle retten können. Das arme Ding. Wir fuhren weiter, dicht hinter uns ein PanzerspĂ€hwagen. Kurt deutete auf eine verlassene russische FeldkĂŒche am Wege „Stop mal Edi“ da gibt’s was zu prĂ€peln. Er wieselte achtlos an einem wie verloren dastehenden General vorbei und kam mit drei riesigen Schinken wieder. Der Hauptmann vom PanzerspĂ€hwagen hinter uns machte sich auch auf den Weg, da hielt ihn der General an „Entschuldigen sie, Herr Kamerad, wĂ€re es wohl möglich, dass sie mich in ihrem Wagen mitnehmen könnten, ich bin nur ein alter Mann und ich werde mich auch nur ganz klein machen, damit ich nicht im Wege bin“ wir sahen uns sprachlos an, der musste zu der kleinen Gruppe GeneralstĂ€bler drĂŒben gehören und versuchte wohl auf eigene Faust weiter zu kommen. Sachen gab’s in diesen Tagen, Junge, Junge. Edi warf den Motor an, weiter ging’s. Es war nichts schönes, was dann kam, die Russen passten auf, wie die Wachhunde, wenn sich unsere KĂŒhlerschnauze nur an die nĂ€chste Lichtung schob, waren die Bomber da und rotzten uns den Laden voll. Legten ihre stĂ€hlernen Eier und waren wieder wie ein Spuk verschwunden. Verdammte Bande, schimpfte Kurt, der dabei vom Trittbrett gefallen war. Aber zielen und treffen ist bei denen zweierlei. Weiter geht’s. Krichel, der Kumpel mit dem Lungenschuss rĂŒhrte sich kaum, die holprige Fahrt setzte ihm schwer zu. Die Blutungen wurden von mal zu mal stĂ€rker, ab und zu lasen wir einen auf, die ein paar Kilometer auf dem Trittbrett mitfuhren, sie waren es alle bald Leid, geschwĂ€cht, nichts im Magen und mutlos waren sie zu nichts mehr zu gebrauchen. Wir verteilten von unserem Schinken und begannen ĂŒbrigens langsam und langsam abzustumpfen, kein Wunder. Vorne knallte es plötzlich stĂ€rker, schwere Brocken rauschten wieder um die Ohren, raus aus Kiste und ran, knurrte Edi Woll „immer diese Verkehrsstockungen“ wir lachten nicht mal, Knarre raus und geschossen, eine Frau, die sich wer weiß wo und fĂŒr den Ernstfall eine Pistole ergattert hatte, redete

auf einen Soldaten ein, er trug eine Uniform aus Extratuch und ohne Rangabzeichen. Sichtlich ein Offizier, der sich selbst degradiert hatte. Kommen sie doch nach vorne, die Soldaten sind doch fĂŒhrerlos und sie sind doch Offizier, er schĂŒttelte finster den Kopf „nein, ich bin kein Offizier, sie irren sich“ dabei blickte er sich vorsichtig nach allen Seiten um, offensichtlich einer von der Sorte, die ihr armseliges Leben um jeden Preis retten wollten. Die Frau wandte sich verĂ€chtlich ab. Wie gerufen, rauschte ein KĂŒbelwagen heran, auf dem Trittbrett stand in voller Montur unser Kuhnke. Im Augenblick kam Schwung in die Sache. 20 Minuten spĂ€ter war der Weg frei, aber um welchen Preis. Wieder tĂŒrmten sich Tote und Verwundete, ich sah einen Landser am Wege, dem ein Geschoss den Bauch aufgerissen hatte, bei vollem Bewusstsein drĂŒckte er mit beiden HĂ€nden die DĂ€rme zurĂŒck und flehte einen Kameraden um den Gnadenschuss an. „Ich will mir nicht von den Russen den Hals abschneiden lassen, komm, tus doch, lass mich hier doch nicht so verrecken.“ Der andere schĂŒttelte krampfhaft den Kopf. Mit rauer ZĂ€rtlichkeit fuhr seine Hand dem Kameraden ĂŒber die Haare, „ich kann’s nicht Kumpel, ich kann’s wahrhaftig nicht, komm, ich leg dir was unter den Kopf damit du besser liegst, da meine Feldflasche lasse ich dir da, aber nicht trinken, nur die Lippen nass machen, ich Herr Gott im Himmel, ich kann dir doch nur die Hand geben und wĂŒnschen, dass du GlĂŒck hast. Es haben schon so viele tausende einen Bauchschuss ĂŒberlebt“, bei den letzten Worten schossen dem Stehenden die TrĂ€nen in die Augen, er wusste, es war eine barmherzige LĂŒge. Mit einem stillen HĂ€ndedruck nahm er Abschied von dem Freund, der ihn mit hoffnungslosen Augen und doch ergeben nachsah. Drama am Wege, vorbei. Und schon wieder ein neuer Eindruck. Ein Hauptmann wollte mit gezogener Pistole uns das Weiterfahren verbieten, weil wir aus der Kolonne heraus an einen Bach gefahren waren, um dem Verwundeten hinten im Ladekasten zu Trinken zu geben und auch selbst zu trinken. Kurt Humhal sprang vom Trittbrett, er nahm das MG 42 vom KotflĂŒgel hielt es dem Hauptmann vor den Bauch und sagte ihm in österreichischem Dialekt „geh weg du Hund, ich erschieß di“ in dieser Zeit ließ sich kein ĂŒberflĂŒssiger Kadavergehorsam erzwingen, der Hauptmann verschwand. Unser Weg war eine Straße des Grauens, geschĂ€ndete und erschossene Frauen und MĂ€dchen, von russischen Panzern förmlich in den Erdboden hineingewalzte Hitlerjungen, Landser, Kleinkinder. Ein grauenhafter Wegweiser war an einem Baum mit großen NĂ€geln angebracht, ein abgehackter Soldatenarm, noch im Ärmel, mit dem Armstreifen Frundsberg, man hatte ihm einem Angehörigen der Division Frundsberg abgeschlagen, grauenvoll. Und dieser Arm zeigte genau die Richtung an, die wir marschieren mussten, uns war alles andere als wohl zumute. Aber wir mussten weiter. Langsam brach die Nacht herein, die zweite Nacht in diesem verteufelten Kessel und noch kein Ende abzusehen. Edi schimpfte am Steuer wie ein Rohrspatz „wenn wir hier jemals rauskommen, dann rĂŒhr ich mein Leben lang keine Flinte mehr an, darauf kannst du Gift nehmen“. Wenn wir ab und zu halten mussten, hörten wir die neuesten Latrinenparolen, es sind Truppen von der Seydlitzarmee unter uns, sie sollen Unruhe stiften, da knallte es wieder, schon rissen die verstörten Landser ihre Knarren hoch und ballerten wie wild in die Gegend. Meist war es weiter nichts, als das einer nervös geworden war und auf Schreckgespenster schoss. In dem Durcheinander, was dann entstand, legte der Freund den Freund um, es war zum verrĂŒckt werden, die Straßen und die GrĂ€ben lagen voller Sterbender und Toter, fast bei jedem Schritt der genagelten Stiefel trat man auf etwas Weiches, man wusste in der Dunkelheit nicht, ob der, der unten war, tot war oder noch lebte, alte Kameraden hielten sich dicht beieinander, sie wollten nicht Gefahr laufen, zwischen Seydlitzleute zu geraten. Wer sich nicht ausweisen konnte, war fĂ€llig. Bestimmt ist mancher Unschuldige dieser Psychose zum Opfer gefallen, aber diese berĂŒchtigten Strecke Zossen-Baruth mussten vor uns schon Tausenden verblutet sein, da nahmen die aufgebrachten Landser keine RĂŒcksicht mehr. Edi trat auf die Bremse „was ist denn los, was ist denn hier schon wieder los?“ „weiß ich nicht“ knurrte er und stieg aus, ein wĂŒstes KnĂ€uel Landser tobte auf der Kreuzung rum. Gereckte Arme, Schimpfworte, klirrende Wut, „was ist denn hier passiert?“ erkundigte ich mich „der Kerl da vorne, der hat laut geschrieen wir hĂ€tten den Krieg verloren, so lange bis wir es ihm gegeben haben, wahrscheinlich auch einer von der Seydlitzbande“. Sie hatten ihn förmlich zu Tode gesteinigt, er rĂŒhrte sich nicht mehr. Ich schĂŒttelte den Kopf und begriff ĂŒberhaupt nichts mehr, an dem, was dieser Mann gesagt hatte, war absolut nicht zu zweifeln und dennoch hatte er sein Leben verspielt. Die innerlich kochende und brodelnde Menge der Landser, sie wollten es einfach nicht wissen, dass all die Qualen und Opfer der Jahre umsonst gewesen waren, all die grenzenlose Selbstaufgabe umsonst, stumm und erschĂŒttert fuhren wir in den langsam aufziehenden Morgen hinein. Irgendwo unterwegs knallten wir uns eine Viertelstunde ins Gras. Es war nun schon die zweite Nacht ohne Schlaf, aber eben nur diese knappe Viertelstunde konnten wir uns leisten, der Ivan saß uns dicht auf den Fersen. Um 5.00 Uhr frĂŒh durchfuhren wir den gesprengten Schießplatz Kummersdorf. Zwischen einem Berg Gefallener lag ein Leutnant mit einem prĂ€chtigen Fernglas, „du Edi, halt mal eben, das Glas ist zu schade fĂŒr den Ivan“ ich ging ran und wollte ihm den Riemen ĂŒber den Kopf ziehen, doch da fuhr er hoch, „verrĂŒckt geworden, was, hau bloß ab, nicht mal in Ruhe pennen kann man hier fĂŒr fĂŒnf Minuten“, Nerven hatte er ja, der Herr Leutnant, immerhin hatte ich es ziemlich eilig die Kurve zu kratzen. Kurz vor dem Weiterfahren, sah ich noch manchmal zu Krichel hinein zum Kumpel mit dem Lungenschuss, er war hinĂŒbergegangen. Erst als wir die Schießbahn ĂŒberquert hatten, konnten wir ihn notdĂŒrftig einbuddeln und selbst dabei, zischten uns noch die Ratas ihre Garben um die Ohren. Ein alter Mann von der OT stand am Wege, er war verwundet und wollte mitgenommen sein, „tut mir Leid, Vatter, sagte Edi bedauernd, wir haben nicht einen Millimeter Platz, eben haben wir einen Begraben und dafĂŒr haben wir schon wieder zwei Neue drauf.“ Der Alte, er mochte wohl bald an die siebzig sein, schluchzte trocken auf, nehmt mich doch mit, ich bin in Berlin ein reicher Mann und schenk Dir ein ganzes Haus, ganz bestimmt.“ Kurt tat der Alte Leid, er reichte ihm seine letzten Zigaretten und die Feldflasche „da nimm Vatter, wir können doch nicht die anderen Verwundeten vom Wagen schmeißen, guck mal das dich einer von den Sankas mitnimmt, die hinter uns kommen. Edi gab Gas, einsam und verzweifelt blieb der alte Mann zurĂŒck. Ganz dicht in der NĂ€he saßen drei Kinder um die tote Mutter herum und weinten sich ihr Leid und ihre Ratlosigkeit vom Herzen, was war das fĂŒr eine grauenhaftes Wirken, war das noch Krieg? Ein wahlloses KĂ€mpfen des Schicksals gegen Greise und MĂŒtter. Irgendwo oberhalb von einem Dorf blieb unsere Karre im Sumpf stecken, jetzt war guter Rat teuer, der Schlitten sackte immer tiefer. Sollten wir soweit gekommen sein, um jetzt noch dem Ivan in die HĂ€nde zu fallen. Die leichter Verwundeten, die noch halbwegs laufen konnten, machten sich schon ganz von selbst auf die Socken, sie sahen die unausweichliche Schlussfolgerung kommen und eh sie hier hilflos auf das Ende warten, wollten sie lieber so weit kriechen, wie es eben ging. Einige gaben in einen vorĂŒbergehenden Sanka ab, es blieben noch zwei ĂŒbrig, das MĂ€dchen aus dem Panzer und ein Kamerad mit einem Oberschenkelschuss, was sollten wir mit ihnen tun? Tragen war unmöglich, warten war aber genauso unmöglich, wenn nicht in letzter Minute auch wir vor die Hunde gehen sollten. Es wĂ€re also nichts anders ĂŒbrig geblieben, als mit den beiden zusammen die Russen zu erwarten oder die beiden im Stich zu lassen. Wer will es wem vorwerfen, wenn wir uns hart machten und davon gingen. Das MĂ€dchen mit seiner Gesichtsverletzung und dem HĂŒftschuss trug es mit Fassung, der Landser schimpfte hinter uns her, aber wir konnten es ihm nicht verdenken, es ging nicht anders, im Tal war schon wieder der Teufel los, es wurde um jeden Meter gekĂ€mpft. „Das sieht verdammt beschissen aus da unten“ meinte Edi, am besten gehen wir diesen Weg hoch und dann oben ĂŒber die Funkstation. Es war die frĂŒhere Station des OKH. Kettenspuren der Königstiger zeigten uns, dass wir wieder die richtige FĂ€hrte gefunden hatten. Auf Schleichwegen erreichten wir schließlich das nĂ€chste Dorf. Immer auf der Hut vor dem Ivan. Kurz vor dem Dorfeingang erhielten wir Werferfeuer und nicht zu knapp. Blöde Hunde, die haben wohl zu viel Munition. Wir schickten ein paar Garben aus der Maschinenpistole hinĂŒber und machten uns zum Dorf hin dĂŒnne. Es war auf beiden Seiten nur Munitionsverschwendung. Bei den ersten HĂ€usern fanden wir zwei MĂ€dchen, niedliche Dingelchen, nett und sauber, nanu, war denn der Ivan noch nicht hier? Fragte Edi verdutzt. Die MĂ€dchen lachten, „doch, schon vor zwei Tagen“, „na und ?“ „uns haben sie nichts getan“, sagten die beiden. Wir guckten ziemlich dumm aus der Halsbinde, scheinbar macht der Ivan hier und da Unterschiede in der Menschen- und MĂ€dchenbehandlung. Als die Panzer vorhin hier durchkamen, sind die Russen abgehauen, erklĂ€rte die eine, aber die kommen sicher wieder. Das war ein typischer Fall von Übereinstimmung der Meinung und darum sahen wir zu, das wir weiter kamen. Außerhalb des Dorfes, sahen wir endlich zum ersten mal wieder einen Panzer unserer Einheit in einer Schneise stehen. „Sieht bald so aus, als ob wir den verdammten Kessel hinter uns hĂ€tten“ meinte Kurt „kann sein, dass du Recht hast, aber es kann genauso gut sein, dass uns hier noch der Heldenklau erwischt, der kleine Trupp da hinten, sieht mir gerade so aus. An einem Baum bammelte ein Schild, siehe da, es enthielt den Decknamen unserer Kompanie mit dem kurzen Bescheid „Richtung Elbe sammeln“. Wir schĂŒttelten die Köpfe, „das soll doch wohl ein Witz sein“ ließ sich Edi schließlich vernehmen „was gibt’s denn hier noch zu sammeln?“ Vorerst hatten wir verschiedentlich gehört, der Krieg wĂ€re aus. Die anderen Einheiten ringsum brachen auch schon ihre Zelte ab und verblĂŒhten Richtung Elbe. Na ja wir wĂŒrden ja sehen. Gegen Abend landeten wir schließlich in der Ortschaft Belzig. Kurt gĂ€hnte bis hinter beide Ohren „jetzt bin ich’s aber satt Kinder, heute Nacht wird erst mal gepennt. Der Ivan kann mich mal kreuzweise.“ Das war uns zwar auch aus der Seele gesprochen, aber doch verdammt gefĂ€hrlich. Schließlich kamen wir in einem SiedlungshĂ€uschen auf dem Teppich unter, ich fĂŒr meinen Teil fiel um wie ein Bleistift und war gleich weg, den anderen beiden ging’s genauso. Wir wollten nur zwei oder drei Stunden schlafen, aber die Frau des Hauses in ihrem MitgefĂŒhl hĂ€tte uns bald eine böse Suppe eingebrockt. Sie ließ uns bis zum morgen schlafen. Wir fuhren hoch wie ein Mann als sie sagte „hallo Landser, Soldaten, ich glaub ihr mĂŒsst euch auf den Weg machen, der BĂŒrgermeister bereitet schon alles fĂŒr die Übergabe vor, die Russen sind höchstens noch fĂŒnf Kilometer weit. Es waren keine SegenssprĂŒche die wir vor uns hinsagten, als wir in fliegender Hast unsere steifen Knochen sammelten und wie die wilde Jagd dieses mehr als gastliche Haus verließen. Der ganze schöne Vorsprung, den wir uns mĂŒhselig genug geschafft hatten, war beim Teufel. Wenn wir jetzt nicht ganz großes GlĂŒck hatten, holten wir das nie wieder auf. Zu allem Überfluss bekam Kurt Ärger mit der Verdauung. Es war wohl die viele Trockenmarmelade, notgedrungen warteten wir immer ziemlich nervös bis er wieder pustend und fluchend aus dem Graben kletterte. Am Ortsausgang sahen wir die ersten deutschen Landser. Wir hatten schon gedacht, die Letzten zu sein. Halt verdammt, rief ich plötzlich die beiden zurĂŒck, das hatte uns gerade noch gefehlt, ObersturmfĂŒhrer Schienhofen von der Dritten, Kurt steuerte den nĂ€chsten Torbogen an, los verschwinden, der will uns bloß einsammeln, Edi zog das Tor zu, dann warteten wir ziemlich unruhig, ob er wohl vorbeiging, aber schon knatterte der schwere HolzflĂŒgel auf, der ObersturmfĂŒhrer stand in voller Kriegsbemalung vor uns, na wo wollt ihr drei denn hin, wir stotterten eine Weile wirres Zeug dann sagte ich offen gesagt ObersturmfĂŒhrer das wissen wir selber noch nicht, was wird denn hier gespielt. Sammeln, er tippte mit einem Finger an die Stirn „wohl verrĂŒckt geworden, es hat sich ausgesammelt, der Ivan will uns grad hier nen neuen Kessel schließen. Wird Zeit das wir hier raus kommen, kommt mal raus und hockt beim Kommandeur auf, der kommt gleich mit nem SchĂŒtzenpanzerwagen durch und nimmt mit, was drauf geht. Uns fiel ein Stein vom Herzen, Minuten spĂ€ter hatten wir wieder einen fahrbaren Untersatz unter dem Hintern und rollten weiter Richtung Elbe. Unterwegs ĂŒberall aufbrechende Einheiten. GrĂ¶ĂŸenteils frisch eingezogene Reservisten, die noch kein Pulver gerochen hatten und schon wieder tĂŒrmen mussten, ein GlĂŒck fĂŒr sie, denn sie waren noch nicht ĂŒbungsweise ausgebildet. In einer der nĂ€chsten Ortschaften machten wir schließlich wieder Halt, der Kommandeur wollte noch ein paar Leute von unserem Haufen aufnehmen und außerdem eine kleine Pause einnehmen. Wir stiegen durchs GelĂ€nde und peilten die Lage, ich entdeckte einen Adler-Sportwagen, „Du“ sagte ich zu Edi, „das wĂ€r ein Ding“ und stieß Edi in die Rippen, „den sollten wir mopsen, damit kĂ€men wir besser bis zur Elbe, als mit den ĂŒberfĂŒllten Panzerwagen vom Alten, na kurz wegschieben, ZĂŒndung kurzschließen und ab“, so verrĂŒckt und verwegen der Gedanke war, wir taten es. NatĂŒrlich hatten sie uns spitz bevor wir noch damit fort waren. In der einsetzenden Dunkelheit spritzten wir rechts und links ĂŒber Hecken und ZĂ€une und ließen die herankommenden Nagelstiefel vorĂŒbertrapsen. Es waren ein Oberleutnant und ein Feldwebel, wenn wir die Kerle erwischen, lege ich sie um, verschwor sich der Offizier. Er war im Recht. Verdammt noch eins, ich verfluchte meinen blödsinnigen Einfall. Es hing wahrhaftig nur an einem Haar und sie hĂ€tten uns erwischt. Ein paar Mal fuhr der Schein seiner Taschenlampe ĂŒber uns hinweg, dann verschwanden sie schimpfend und holten ein paar Leute um den Wagen wieder abzuschieben. Aufatmend machten wir uns davon, das war nochmal gutgegangen. Eine knappe Stunde spĂ€ter kam eine von unseren Zugmaschinen an, sie hatten das MĂ€dchen  und den Landser bei sich, die wir in unserem im Sumpf steckengebliebenen Wagen zurĂŒckgelassen hatten. Jetzt war uns entschieden wohler. Wir hatten doch sehr an die beiden denken mĂŒssen. In der Nacht ging es weiter, der Kommandeur war vorausgefahren und wollte irgendwo an der Elbe versuchen, die ganze Einheit geschlossen in amerikanische Gefangenschaft zu fĂŒhren, irgendwo gabelten wir noch einen Oberleutnant mit seiner jungen Frau auf, die hatten schreckliches hinter sich, in dem gleichen Kessel, aus dem wir eben entwichen waren, starb ihnen unterwegs das vier Wochen alte Baby an EntkrĂ€ftung und auf dem Arm das dreijĂ€hrige Söhnchen an ihrer Hand, das erschossen worden war, Lungenschuss.

 

Dann lag plötzlich und unerwartet die Elbe vor uns. Es war ruhig rechts und links keine Kampfhandlungen mehr. Auf der Westseite standen abwartend die Amerikaner. Ab und zu kamen sie mit Sturmbooten herĂŒber und nahmen ein paar Landser mit in die Gefangenschaft. BrĂŒcken existierten nicht mehr. Es warteten Tausende an unserem Ufer, aber der Ami dachte nicht daran, sie alle mit nach drĂŒben zu schaffen. Die Verhandlungsversuche unseres Kommandeurs mit einem amerikanischen Offizier verliefen völlig fruchtlos, da wandte er sich an uns restliche 35 MĂ€nnchen, die wir von fast 400 ĂŒbrig geblieben waren und sagte „MĂ€nner, wir haben unsere Pflicht getan, Waffen haben wir nun keine mehr, jeder muss zusehen, wie er ĂŒber die Elbe kommt, ich danke euch fĂŒr alles geleistete und Eure Kameradschaft“. Er verabschiedete sich von jedem durch Handschlag und dann gingen wir auseinander. Wir Drei beratschlagten, was zu tun war. Hier in Fischbeck, da sind wir doch am Arsch der Welt, da setzt uns doch kein Aas ĂŒber, meinte Edi. Also weiter auf Burg zu, am Weg erwischten wir einen Lkw und Edi drĂŒckte den Pin fast bis zum Bodenbelag durch, denn jemand hatte russische PanzerspĂ€hwagen gemeldet. Kurt hatte natĂŒrlich wieder was zu Fressen organisiert. Wir schlugen uns also unterwegs den Bauch voll Schweinefleisch, es bekam uns nachher genauso schlecht, wie die Trockenmarmelade. Aber im Augenblick bekĂŒmmerte uns das nicht. Wir rasten mit einem Affenzahn die Elbe entlang und suchten nach einem Loch, in dieser mörderischen Mausefalle. Überall standen wartende Heerscharen von Landsern, die den gleichen Wunsch wie wir hatten, und die Amis wegen ihrer geschlossenen Sturheit so verfluchten wie wir. Aber es war so gut wie keine Hoffnung nach drĂŒben zu kommen. Viele gerieten dem Ivan noch hier in die HĂ€nde, manche schwammen hinĂŒber, viele ertranken dabei und die am anderen Ufer, sie sahen tatenlos zu. Niemand wollte dem Russen in die Finger fallen. Vielleicht wĂ€re ich auch geschwommen, aber erstens ich konnte es nicht und zweitens hatte ich das GefĂŒhl, als ob die Amerikaner vielleicht es fertiggebracht hĂ€tten, uns mitten im Strom abzuschießen wie die Wildenten. Verdammt, ich glaube es war alles umsonst, der Durchbruch war fĂŒr die Katz“ sagte Kurt verzweifelt. Man hörte schon das Brummen der russischen T34 aus der Ferne. Es konnte sich um Minuten handeln, dann waren sie ĂŒber uns. Dann winkte Sibirien und die Knute. Hilflos wie Kinder kamen wir uns vor, einem scheußlichen Schicksal auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Jetzt, in aller letzter Minute gab es keine Aussicht auf endgĂŒltige Rettung mehr, jetzt wo wir alles, das Schwerste, das Gröbste, das Blut und den Dreck hinter uns hatten, es war zum Verzweifeln. Edi sah sich ĂŒberall nach einer weggeworfenen Pistole um „lebend bekommen die mich nicht“. Kurt biss sich auf die Lippen, vielleicht dachte er auch an zu Hause, vielleicht auch an sonst was. Jedenfalls entdeckte ich es zuerst, „da Jungs, ein Sturmboot kommt auf uns zu“ in unserer NĂ€he standen ein paar Landser mit behelfsmĂ€ĂŸigen KrĂŒcken, die wollten sie wohl rĂŒberholen, schon von weitem hörten wir „nur fĂŒr Verwundete“, das Boot mit den paar Mann war noch nicht voll, auf einmal humpelten wir alle Drei eigentlich hatten wir nur Blasen an den FĂŒĂŸen, aber auf diese Weise kamen wir mit hinein. Als die ersten Panzer auf die Uferstraße rollten, stieß unser Sturmboot von einem zĂ€hneblitzenden baumlangen Neger gesteuert gerade vom Ufer ab, es war am 02. Mai 1945 bei Rogetz an der Elbe. Wir hatten eine Hölle von Blut und TrĂ€nen hinter uns gelassen und waren einem Leben wiedergegeben, von dem wir noch nicht wussten, was es uns bringen wĂŒrde.

 Ende



wird fortgesetzt

[Home] [Die MĂ€nner] [Die Panzer] [Soldaten im Bild] [Geschichte] [Geschichten] [Warum und Wieso] [Quellen] [Forum]